Infektanfälligkeiten

Entstehung und Verlauf von somatischen Krankheiten werden schon länger durch psychosomatische Ansätze zu erklären versucht. Über die biochemischen Voraussetzungen für die Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper konnte bis vor wenigen Jahren jedoch nur spekuliert werden. Es war noch zu wenig über die Funktionsweise des Immunsystems und den damit korrespondierenden Vorgängen im Nerven- und Hormonsystem bekannt. Inzwischen ist die Psychoneuroimmunologie ein anerkanntes interdisziplinäres Forschungsgebiet. Das Immunsystem verknüpft das Immun-, Nerven- und Hormonsystem effektiv miteinander. Nicht selten treten akute Atemwegsinfektionen bei psychischem oder körperlichen Stress auf.

Unbestritten ist heute, dass sowohl akuter als auch chronischer psychischer und körperlicher Stress, die Funktionen der Immunabwehr beeinflussen. Experimentelle virologische Studien haben gezeigt, dass psychische Belastungen die Anfälligkeit gegenüber Krankheitserregern erhöhen. Erwiesen ist auch, dass chronischer Stress die Konzentration von sekretorischem Immunglobulin A im Speichel senkt. Eigene Untersuchungen zeigten den gleichen Sachverhalt auch in Stuhlproben. Die Darmschleimhaut ist bekannterweise der Prägungsort des intestinalen Immunsystems.

Emotionale und mentale Belastungen bewirken eine vermehrte Freisetzung von Neurotransmittern und Hormonen. Über Rezeptoren an Lymphozyten können so stressbedingte Veränderungen immunologischer Funktionen induziert werden. Bekannt ist, dass in Stresssituationen beispielsweise Glukokortikoide verstärkt ausgeschüttet werden. Diese Hormone beeinflussen alle immunkompetenten Zellen. Über diese Mechanismen kann lang anhaltender Stress die Abwehrfunktionen dauerhaft einschränken, wodurch die Infektanfälligkeit ansteigt.
Chronischer Stress, den das Gehirn auf Dauer nicht kompensieren kann, führt neben den Funktionseinbußen des Immunsystems auch zu Ermüdungszuständen.

Es ist durch moderne Labordiagnostik nun auch in der Praxis möglich geworden den Stress durch Hormon bzw. Neurotransmitterbestimmung im Speichel zu bestimmen. Hierbei werden die Stresshormone Adrenalin- und Noradrenalin gemessen. Daneben ist die Bestimmung von Dopamin und des Serotonins möglich. Diese Untersuchungsverfahren eignen sich zur Therapiekontrolle.